Abschlusskonzert "Lausitzer Spatzen/ Solobiki" am 10. Oktober 2013

Programmheft zum Abschlusskonzert am 10. Oktober 2013

Am 10.Oktober 2013 fand das Abschlusskonzert des Projektes "Lausitzer Spatzen / Solobiki" in der Messehalle in Löbau statt. Die Intendantin der Sorbischen Nationalensemble Frau Milena Vettraino eröffnete das Konzert. Über 120 Kinder gestalteten ein einstündiges, abwechslungsreiches Programm mit Lieder in  sorbischer und deutscher Sprache sowie in oberlausitzer Mundart. Daneben erlangen auch Lieder u. a. aus Polen, Israel  und Tansania. Unter der Leitung der Gesangs-pädagoginnen Frau Tanja Donath und Frau Ann Tröger sagen nicht nur die Grundschulkinder mit Freude und Begeisterung die erarbeiteten Lieder. Auch das Publikum wurde zum Mitsingen eingeladen. Die Kinder wurden am Flügel begleiten von der Pianistin Oksana Weingardt-Schön.









Fotos: Ulf Großmann

Lausitzer Spatzen / Sołobiki - Jedem Kind seine Stimme

Einladung zum Abschlusskonzert Lausitzer Spatzen/ Solobiki

Ein Projekt der Kultur-ellen Bildung auf dem Gebiet der frühkind-lichen musik-pädagogischen Bildung im Vorschul- und Grundschul-bereich zur Förderung des Singens und der Sprache im Raum der zweisprachigen Oberlausitz

Das Projekt wurde gefördert durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, die Stiftung für das Sorbische Volk und durch den Kulturraum Oberlausitz Niederschlesien.

Aus der Projektbeschreibung des Modellvorhabens:

Das Grundanliegen des Modellprojekts ist es, Musik durch Singen und durch Sprache für jedes Kind erlebbar zu machen und die eigene Stimme als kreatives und künstlerisches Ausdrucksmittel zu entdecken. Dazu möchte “Lausitzer Spatzen / Sołobiki”  die Fähigkeiten und die Bereitschaft zum natürlichen Singen vom frühen Kindesalter an durch moderne, kindgemäße Methoden der Gesangspädagogik vor allem im Elementar- und Primarbereich fördern und entwickeln. Das Modellprojekt möchte das Singen als tradierte Kulturtechnik des Alltags aktivieren bzw. reaktivieren.

Darüber hinaus soll auf diese Weise steigenden Tendenzen zu funktionellen Stimmstörungen und zu Sprech- und Sprachstörungen im frühen Kindesalter entgegengewirkt werden. Durch den gesunden Gebrauch der Stimme wird der Gefahr des Verkümmerns der Fertigkeiten und vor allem der Fähigkeiten gesunden Sprechens und Singens entgegengewirkt.

Ausgangslage

Im Freistaat Sachsen existieren Jahrhunderte  alte Traditionen des Singens und des Gesangs. Dafür steht beispielhaft der Dresdner Kreuzchor ebenso wie der Leipziger Thomanerchor. In Kirchen und Klöstern, in Schulen und an Universitäten gab es eine lebendige Gesangstradition. Profi- und Laienchöre, Gesangsvereine und Solisten haben das Musik- und Gesellschaftsleben zu den verschiedensten Anlässen mitgestaltet. Komponisten wie Praetorius, Schütz, Bach, Schumann, Weber, Wagner, und viele andere mehr, die in Sachsen wirkten,  haben Bleibendes und aus der europäischen Musikkultur nicht mehr Verzichtbares für Singstimmen geschrieben. Der Fundus deutschen und internationalen Volksliedgutes ist unerschöpflich. Auf Volksfesten, zu Familienfeiern, aus gesellschaftlichen und religiösen Anlässen sowie im Kreise der Familien wurde gesungen. Auch war das Singen in der Arbeitswelt bis vor ca. 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit.
Unsere Welt ist im Wandel. Tonträger sind an die Stelle kultureller und künstlerischer  Eigenproduktion getreten. Sie gestatten die jederzeitige Rezeption der gewünschten Musik und erlauben auf bequeme Weise, dass Stellvertreter die Rolle der Produzenten übernehmen. Ohne Frage ist dies ein verbreitungstechnischer, qualitativer und ästhetischer Zugewinn.
In der gleichen Zeit haben die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Singen rasant abgenommen. Eltern und Großeltern singen nicht mehr mit den Kindern. In Kindertagesstätten und Schulen haben sich die Qualität des Singens und die Quantität des gelernten Liedgutes negativ entwickelt. Chöre klagen über massive Nachwuchsprobleme. Viele Volkschöre wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben.
Kurz, das Singen gehört nicht mehr zu den privilegierten, ja nicht einmal zu den allgemein praktizierten Kommunikations- und  Kulturtechniken.

Das Nichtsingen führt inzwischen zu verifizierbaren morphologischen Veränderungen. HNO-Ärzte stellen seit Beginn der 90-iger Jahre jedes  Jahr auf ihren Kongressen fest: die Stimmbänder der deutschen Kinder verkürzen sich von Jahr zu Jahr.  Wenn eine Gesellschaft aufhört zu singen und das Singen keinen angemessenen Stellenwert unter den Kulturtechniken genießt, hat das morphologische Veränderungen in Form der Dehnbarkeit und Modulierbarkeit der Stimmbänder zur Folge. Es führt auch dazu, dass die Flexibilität und die Modulationsfähigkeit der Sprechstimme negativ beeinflusst werden.
Das Singen im Alltag ist in den letzten 40 Jahren immer weiter aus unserem Alltag verschwunden. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass das Singen ein effektiver „Gesundheits-Erreger“ ist. Kindergartenkinder, die singen, entwickeln sich sowohl psychisch, als auch physisch besser und sind, wissenschaftlich nachgewiesen, besser für ihre Schulzeit vorbereitet, d.h. sie wurden in den staatlichen Tests als allgemein schultauglicher beurteilt.[1]
Die neusten Ergebnisse der Hirnforschung geben tiefe Einblicke in die Wirkungsmächtigkeit des Singens für die Entwicklung der Kinder im frühen Kindesalter.
Insbesondere der Göttinger Hirnforscher und Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther entdeckt das Singen als eine basale Schlüsselqualifikation und eine maßgebliche Kulturtechnik zur Optimierung der Nutzung des Gehirns für Jung und Alt neu: Singen verlangt eine aufrechte Haltung. Besonders bei Kindern und auch Erwachsenen mit Haltungsproblemen kann singen physiologisch geradezu therapeutische Wirkungen erzielen.
Singen ist ein Antidot, quasi die beste Pille gegen Angst. In unserer Kulturgeschichte spielt das Singen als Kontrahent von Sorgen und Ängsten eine große Rolle, denkt man nur an den einschlägigen reichen Volksliedschatz oder das Choralsingen. Wer hat nicht selbst schon in schwierigen Situationen gesungen, um sich selbst ein gutes Gefühl zu verschaffen.
Jedes Lied ist eine Gestalt. Zunächst muss der richtige Ton gefunden werden, damit der zum Lied passt. Das ist eine enorme Leistung des kindlichen Gehirns. Der Ton, das Wort sind ein Teil des Ganzen. Singen schult das Denken in Zusammenhängen. Das Lied muss beim Singen gestaltet, das heißt geformt, interpretiert und verinnerlicht werden. Es transportiert Emotionen und Stimmungen, es erzählt Geschichten.

Das Singen befördert die Selbst- und die Sozialresonanz. Wer mit anderen singen will, muss seine Stimme auf die Mitsingenden einstellen. Er muss sich einordnen oder auch dominieren. Der Singenden muss mit den anderen in Resonanz kommen. Dabei erfährt er das Phänomen der Sozialresonanz, eine elementare Voraussetzung für die später für Kinder so wichtige emotionale Kompetenz.
Singen geht dann auch „unter die Haut“ und löste Gefühle aus, die positiv konnotiert sind. Wenn man als Kind erfahren hat, dass man sich selbst durch das Singen  in ein gutes Gefühl bringen kann, dann hat man eine Erfahrung gemacht, die als Ressource das ganze Leben abrufbar ist.
Es  ist davon auszugehen, dass es immer dann, wenn es emotional wird, im Hirn die Bereitschaft für Umbauprozesse angestoßen wird. Diese Fähigkeit lässt, im Vergleich zu den meisten sonstigen Körperfunktionen mit zunehmendem Alter nicht nach. Nur werden die Stimulationen und die Intensität der Impulse, die dafür sorgen, dass die emotionalen Zentren angehen, oft geringer und schwächer.
Das Singen hat somit für Kinder wie für ältere Menschen -neben den sozialen und physiologischen Komponenten- aktivierende und das Hirn stimulierende Funktionen, die durch keine andere Kultur- und Kommunikationstechnik ersetzbar sind.[2]

Projektpartner sind das Sorbische National-Ensemble Bautzen und die Kreismusikschule Dreiländereck Löbau. Als kulturelle Institution bzw. als Bildungseinrichtung verfügen beide über langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern, mit Kindergärten und Schulen sowie in den Bereichen Kulturelle Bildung und Musikpädagogik. Beiden Einrichtungen ist es ein wichtiges, gemeinsames Anliegen, dass Kinder durch das elementare Mittel Singen in ihren ganzheitlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten und in ihrer Persönlichkeits-entwicklung gefördert und gestärkt werden. 

Projektverantwortliche ist die Dipl. Gesangspädagogin und Sängerin Tanja Donath. Sie ist Ausbildungsleiterin der Abteilung Gesang an der Sorbischen Musikakademie im Sorbischen Nationalensemble. Durch die Arbeit mit dem Kinderchor der Musikakademie sowie durch verschiedene Projekte hat sie sich im Bereich Kinderstimmbildung qualifiziert. Aufgrund der langjährigen Tätigkeit als Gesangspädagogin an der Kreismusikschule Dreiländereck Löbau kennt sie diese Einrichtung und verfügt über gute Kontakte zu den am Projekt beteiligten Gesangspädagogen, z.B. zu Ann Tröger, die an der Kreismusikschule Dreiländereck in Löbau die Verantwortung über die “Lausitzer Spatzen / Sołobiki” übernimmt.

Bei der Realisierung des Modellprojekts geht es um das Singen als Lebensart, als Teil unserer Kultur und als Teil des eigenen und des gesellschaftlichen Lebens.

“Lausitzer Spatzen / Sołobiki”  will in Kindertagesstätten je Gruppe und in Grundschulen je Schulklasse einmal  wöchentlich eine Singstunde durchführen. Dabei ergänzt das Projekt in den Grundschulen  lehrplangerecht den Musikunterricht.   Ausgebildete  Gesangspädagogen/-innen öffnen kindgerecht den Zugang zur Kunst , zu den persönlichen künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten und zur Musik. Die gebotene Sing- und Sprecherziehung wirkt verstärkt praktisch-künstlerisch und soll dabei stets das Grundanliegen verfolgen, die Stimme durch Singen und Sprache gesund und natürlich einzusetzen.

Die Erzieher/-innen und Lehrer/-innen sollen insofern eine Weiterbildung erfahren, indem sie direkte Anleitung erleben, wie sie in Bezug auf das natürliche, gesunde Singen inhaltlich, methodisch und didaktisch mit den Kindern arbeiten können.

Bereits geknüpfte Verbindungen zu Kindertagesstätten und Grundschulen sowie die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit diesen Einrichtungen bilden die Basis für “Lausitzer Spatzen / Sołobiki”.

Durch die Zusammenarbeit der beiden Projektpartner wird kreisübergreifend im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien erstmalig ein Projekt mit dem Inhalt Singen als Beitrag zur kulturellen Bildung mit Modellcharakter für ganz Sachsen initiiert.

Konzeptionelle Hintergründe

Wichtigstes Arbeitsmittel sind mündlich übertragene Vermittlungsinhalte mit einer ausgewogenen Mischung aus dem reichen traditionellem Liedgut und qualitativ geeigneten populären Liedern (neue Kinderlieder, Stimmbildungslieder für Kinder). Dafür wird eine - auch den regionalen sprachlichen und kulturellen Besonderheiten entsprechend - spezielle Liedauswahl getroffen, die kindlichen, stimmbildnerischen und ästhetischen Ansprüchen gerecht wird. Durch das aktive Hören (Zuhören) sowie das Rekapitulieren und Reproduzieren des Erlernten wird das Langzeitgedächtnis geschult, dem schnellen Vergessen wird vorgebeugt.
Darüber hinaus werden die Kinder befähigt, das Erlernte schöpferisch anzuwenden. Sie erweitern ihren Lied- und Wortschatz.
Stimm-, Sprach- und Bewegungsspiele in Kombination mit dem Singen regen alle Sinne an, fördern die Kreativität sowie die Sprachkompetenz.
Durch spielerische Interaktionen innerhalb der Stimmbildung und Sprecherziehung werden die Kinder in ihren kognitiven, kommunikativen und sozialen Fähigkeiten gestärkt.
Das Singen erfordert eine gesunde Körperhaltung und fördert das Entstehen von ästhetischen Haltungen. Durch das Singen wird Lebensfreude verbreitet.

Die Initiatoren der Projektes nehmen sich der Herausforderung an, in der Überzeugung das Singen ...
- ... ist die ursprünglichste Art, Musik zu machen
- ... ist für jedes Kind zugänglich und erlernbar
- ... ist kreatives Ausdrucks- und Kommunikationsmittel
- ... fördert die soziale Resonanz und soziale Kompetenzen der Kinder
- ... fördert Toleranz gegenüber anderen Kulturen
- ... eröffnet den Zugang zur gesamten Musikkultur
- ... steigert die musikalischen Kompetenzen, die beim Erlernen eines Musikinstruments als Grundlage dienen
- ... fördert die Sprachkompetenz
- ... fördert die Selbstwahrnehmung
- ... stärkt das Selbstbewusstsein
- ... fördert die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

Eine besondere Rolle im Raum der zweisprachigen Lausitz und Niederschlesiens spielen dabei folgende Faktoren, die zugleich wichtige regionale Akzente setzen:
die Pflege der sorbischen Sprache und die Verbreitung des sorbischen Liedgutes,
die Pflege der Mundarten im Oberland der Oberlausitz und in Niederschlesien,
das Kennenlernen  des Liedgutes  und  der  Sprachen  der unmittelbar  angrenzenden Nachbarländer Polen und Tschechien.

"Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen.Wer die Composition ergreifft / muß in seinen Sätzen singen.Wer auf Instrumenten spielt / muß des Singens kündig seyn.Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein."

Das formulierte bereits Georg Philipp Telemann 1718 in einem Brief an den Komponisten und Musikschriftsteller Johann Mattheson.


Quellen:
[1] Deutsche Stiftung Singen unter www.deutschstiftungsingen.de
[2] Hüther, Prof. Dr. Gerald, Vortrag: Wie mein sein Gehirn optimal nutzt auf dem Kongress „Die Kraft der Imaginationen und Visionen“, Heidelberg, Mai  2008