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Kulturelle Bildung ist ein Lebensmittel und damit ein zentrales Zukunftsthema für unsere Region!

„Das künstlerische Element ist generell in alle Fächer hineinzutragen, in die Muttersprache, Geographie, Mathematik, Turnen. Ich plädiere für ein Bewusstsein, dass es nach und nach keine andere Möglichkeit gibt, als dass die Menschen künstlerisch erzogen werden. Diese künstlerische Erziehung könnte erst eine leitungsfähige Gesellschaft gründen."

Joseph Beuys, „Nicht einige wenige sind berufen, sondern alle" Interview mit Joseph Beuys über ästhetische Erziehung in: Jappe, Georg: BEUYS PACKEN - Dokumente 1968-1996

Joseph Beuys, für seine meist radikalen kunstästhetischen und kulturpädagogischen Positionen bekannt, trifft den Kern des Problems direkt, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich des Internationalen Symposium für Kulturelle Bildung in Europa Arts for Education! am 13. September 2010 in Essen folgendermaßen apostrophierte: Kulturelle Bildung ist eines unserer zentralen Zukunftsthemen.

Andere, wie das Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur“ des Deutschen Bundestages  Helga Boldt, ordnen der Kulturellen Bildung die Funktion als Lebensmittel zu, indem sie schreibt: Eine frühe, sorgfältig arrangierte, differenzierte Begegnung mit Bewegung, Farben, Musik, Sprache – sowohl rezeptiv als auch produktiv – legt den Grundstein für lebenslange Offenheit, Flexibilität und Gestaltungskraft. ... Kulturelle „Frühförderung“ besitzt in sich ... die Anschlussfähigkeit an zukünftige Entwicklungen und Gestaltungsaufgaben.

Hildegard Bockhorst, die Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (BKJ) eröffnet ihrer Laudation zur Verleihung des BKM-Preis Kulturelle Bildung 2010 mit den Worten: Kulturelle Bildung ist Futter für die Seele!

Im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien ist die Bedeutung der kulturellen Bildung frühzeitig erkannt worden. Auf der Grundlage einer Initiative des Sächsischen Kultursenats wurde im Dezember 2006 ein Modellprojekt zur Animation und Koordinierung von Projekten der kulturellen Bildung ins Leben gerufen.

Dass kulturelle, musische und ästhetische Bildung Aufgabenfelder im Bildungskanon der Schulen und der Bildungseinrichtungen im Kultusbereich sind, ist unstreitig. Einrichtungen und Institutionen in unserer Region, die sich mit Kunst und Kultur beschäftigen sowie die Künstlerinnen und Künstler aller Spaten, verfügen über enorme Kenntnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Kulturvermittlung. Mehr noch, kulturelle und künstlerische Bildung sind ihrem Selbstverständnis und ihrem Kulturauftrag immanent. Diese Potentiale zu erschließen und sie gemeinsam mit den Bildungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene nutzbar und erlebbar zu machen, darin sieht die Netzwerkstelle Kulturelle Bildung im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien ihre vornehmste Aufgabe.

Kulturelle Bildung braucht starke Partnerschaften. Sie ist immer eine Produkt von Kooperationen und das Ergebnis von Vernetzungen. Die Herausforderung besteht darin, ein Miteinander der verschiedenen Akteure mit unterschiedlichen Rechts- und Organisationsformen, verschiedenen Trägerschaften, mannigfaltigen Förder- und Finanzierungsmodellen und diversifizierten Auffassungen zum beruflichen Selbstverständnis im Kontext kultureller Bildung zu erreichen.

Das Netzwerk Kulturelle Bildung im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien begleitet den systematischen Aufbau von Strukturen für Kooperationen. Dazu gehören Impulse zur Vernetzung der verschiedenen Akteure, besonders im Sinne der Gestaltung regionaler Bildungslandschaften, gezielte Fortbildungsangebote und die Sicherung und Weitergabe von Erfahrungen in diesem Bereich. Daneben initiiert und befördert das Netzwerk konkrete Kooperationsprojekte. Das geschieht ausgehend vom Bedarf der jeweiligen Bildungseinrichtung und unter Nutzung der vorhandenen Kapazitäten der kulturellen Einrichtungen und der Künstlerinnen und Künstler sowie der bestehenden Fördermöglichkeiten.

Nur durch frühzeitiges Erleben und den aktiven Umgang mit Kunst und Kultur sind Kinder und Jugendliche später in der Lage, die kulturelle Vielfalt ihrer Region als Bereicherung ihres eigenen Lebens zu empfinden. Bildung ist eine entscheidende Voraussetzung für die aktive Nutzung verschiedener Kulturformen und für den interkulturellen Dialog, der in unserer Grenzregion eine tägliche Herausforderung darstellt.

Die Wirkungsmächtigkeit von Bildung und Kultur gemeinsam in Bewegung zu bringen, so dass die Menschen in unserer Region sie tatsächlich spüren und als einen Gewinn für ihr Leben in der Oberlausitz-Niederschlesien erfahren können, das ist der hohe Anspruch, den sich der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien selbst gestellt hat. Politiker, Pädagogen und Künstler wissen aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Tätigkeit: Kulturelle Bildung ist ein Lebensmittel und damit ein zentrales Zukunftsthema für unsere Region!

Kultur zu vermitteln bedeutet Zukunft zu gestalten
Zukunft zu gestalten bedeutet auch Kultur zu vermitteln

Vier Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit Kunst und deren ständige Bewältigung stehen im Zentrum des Schaffens von Prof. Ekkehard Klemm, Dirigent und Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, Dresden: 

Tiefe des Wissens 

Kraft des Fühlens 

Schönheit des Könnens

Lust des Vermittelns.

Neurologen, Erziehungswissenschaftler, Entwicklungspsychologen, Soziologen, Pädagogen, Künstler, Kulturvermittler und Politiker haben längst umfassend beschrieben, warum Kunst und Kultur für Kinder und Jugendliche unverzichtbarer Teil ihres Werdens und Heranwachsens sind. Der Göttinger Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther bringt es in seinen Vorträgen und Veröffentlichungen immer wieder auf den Punkt, wenn er äußert, dass das menschliche Gehirn ein Problemlösungsinstrument ist, das, wenn es optimal genutzt werden und ständig aktiviert werden soll, möglichst viele Probleme braucht, die es bewältigen kann. Es braucht vor allem Probleme und Herausforderungen, die „unter die Haut“ gehen. Es braucht Stimulationen, die dazu führen, dass die emotionalen Zentren im Gehirn angehen. Dies geht nicht von allein. Impulse sind nötig, die emotionale Wirkungen entfalten. Wenn etwas wirklich „unter die Haut geht“, werden neue Verbindungen geschaltet, es beginnt im Gehirn zu „feuern“ und die emotionalen Zentren gehen an.

Kunst und Kultur haben unbestreitbar die Fähigkeit, wenn Aufnahmebereitschaft besteht und Rezeptionsfähigkeit vorhanden ist, emotional zu stimulieren, weil die Beschäftigung mit Kunst und Kultur „unter die Haut gehen“ kann. 

Es kommt also auf die Befähigung zur Auseinandersetzung mit kulturellen und künstlerischen Sachverhalten und Problemen an. Die Fähigkeit, aktiv und genussvoll zu rezipieren setzt ebenso Lernprozesse voraus, wie das Praktizieren der unterschiedlichsten Kulturtechniken, wie der des Singens, Sprechens, Tanzens, des Malens und des plastischen Gestaltens sowie der des  Musizierens und des darstellenden Spiels.  All dies bedarf einer jeweils spezifischen Unterweisung. Es braucht signifikante Lernorte, qualifizierte Kunst- und Kulturvermittler, aber auch spannende und herausfordernde Ideen. 

Für die Gestaltung eines professionellen, bedarfsgerechten Angebots im Bereich kultureller Kinder- und Jugendbildung müssen Schulen, Künstler und Kultureinrichtungen gemeinsam neue Handlungsräume eröffnen. Der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien möchte diesen Prozess aktiv mitgestalten. 

Im Dezember 2006 startete - maßgeblich auf Initiative des Sächsischen Kultursenats - im Kulturraum ein Pilotprojekt zur Förderung der professionellen und nachhaltigen Zusammenarbeit von Schulen, Künstlern und Kultureinrichtungen im Bereich der kulturellen Kinder- und Jugendbildung. Im Mittelpunkt des Projektes steht der Aufbau eines Netzwerkes kultureller Bildung im Kulturraum. 

Kulturelle Bildung ist eine Querschnittsaufgabe mit vielen Akteuren, aber auch mit unterschiedlichen Bildungsbegriffen und teilweise divergierenden Zielstellungen. Aufgabe des Netzwerkes ist es, das Bewusstsein einer nur partnerschaftlich zu bewältigenden Verantwortung zu stärken, Partnerschaften zu initiieren und diese zu unterstützen. 

Das Netzwerk fördert die gemeinsame Entwicklung von möglichst langfristigen und professionellen Angeboten im Bereich der kulturellen Kinder- und Jugendbildung. Dabei ist vom Bedarf der jeweiligen Bildungseinrichtung und der Nutzung der vorhandenen Kapazitäten der kulturellen Einrichtungen auszugehen. Neben der Initiierung konkreter Projekte geht es vor allem um die Begleitung des systematischen Aufbaus von stabilen und nachhaltigen Strukturen, etwa durch Qualifizierung von Künstlern im pädagogischen Bereich oder durch Weiterbildung von Lehrern auf kulturellem Gebiet. Ein weiterer Schwerpunkt der Netzwerkarbeit ist die Sicherung und Weitergabe von Erfahrungen. Kultureinrichtungen und Künstler im Kulturraum sind wichtige Partner in diesem Prozess. 

Der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien grenzt an die europäischen Nachbarländer Tschechien und Polen. Hier ist kulturelle Bildung auch immer ein Wegbereiter für die Entwicklung interkultureller Kompetenz. „Wer seine eigenen kulturellen Wurzeln nicht mehr kennt, wird alles Fremde als Bedrohung empfinden“, sagte Prof. Dr. Jan Hendrik Olbertz, der heutige Präsident der Humboldt-Universität Berlin als damaliger Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt. Kulturorte sind bestens geeignet für interkulturelle Kompetenzentwicklung. Mit kulturellen Projekten lernen Kinder und Jugendliche kulturelle Diversifizierungen kennen und mit Vielfalt zu leben. Für einen erfolgreichen interkulturellen Dialog ist kulturelle Bildung eine ausschlaggebende Voraussetzung. 

Künftig möchte sich die Netzwerkstelle Kulturelle Bildung im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien auch dem Aufgabenfeld der kulturellen Bildung im frühkindlichen Bereich widmen. Hier soll das Schwergewicht vor allem auf die Qualifizierung der Kulturvermittler und der Eltern sowie auf die Kooperation mit Kulturträgern gerichtet sein.  Außerdem wird der kulturellen Bildung von Erwachsenen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. In diesem Aufgabenfeld soll es zunächst um die Koordinierung der Aktivitäten der Kulturvermittler im Kulturraum gehen, die in den unterschiedlichen Kultureinrichtungen tätig sind. 

Alle an diesem Prozess interessierten Partner sind herzlich zur Mitwirkung eingeladen.